CJZ 2026 Interview
„Eine humanistische Kultur, den Humanismus vom anderen her zu denken – das ist für mich die beste Präventionsarbeit.“
Gundula Gause im Gespräch mit Prof. Dr. Christian Rutishauser, Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille 2026
Gundula Gause: Was liegt Ihnen am Herzen als jetzt geehrter Preisträger?
Prof. Dr. Christian Rutishauser: Das erste ist ganz große Dankbarkeit. Einfach, dass die Arbeit gesehen wird. Das ist ja oft eine Arbeit im Alltag, im Kleinen. Nicht hier in Deutschland, sondern in der Schweiz. Ich arbeite, wie gehört, für den Vatikan. Papst Leo hat mich wieder zum Berater ernannt. Und deshalb ist es nicht nur eine Ehre, was ich tue, sondern was die römisch-katho - lische Kirche im Dialog tut. Oft denken wir hier im Norden, aus Rom kommen nur schwierige Botschaften. Aber gerade was der Vatikan im jüdisch-katholischen, im jüdisch-christlichen Dialog getan hat, in den letzten Jahrzehnten, ist Pionierarbeit und zum Teil in der Theologie und an der Basis auch noch nicht angekommen. Es ist also auch eine große Ehre für den katholisch- jüdischen Dialog.
Gundula Gause: Was liegt Ihnen da am Herzen? Was ist das, was vom Vatikan aus für den christlich-jüdischen Dialog so bemerkenswert ist? Was wurde da getan – worauf möchten Sie hinweisen?
Prof. Dr. Christian Rutishauser: Es sind zwei Punkte. Auf der einen Seite geht es darum, Jüdinnen und Juden in der heutigen Gesellschaft, in der heutigen Situation, zu verstehen; in den Dialog zu treten; die andere Perspektive einzunehmen. Christinnen und Christen überstülpen oft ihr Judenbild, dass sie aus der Bibel oder dem Religionsunterricht haben, auf Jüdinnen und Juden heute. Und davon einfach mal weg. Von Angesicht zu Angesicht die großen Kulturleistungen der Juden und Jüdinnen hier in Deutschland wirklich wahrzunehmen. Das Zweite: Ich glaube einfach, dass heute Glaubenserneuerung nur möglich ist, wenn wir in Dialog mit dem Judentum gehen, weil wir sonst etwas verdrängen. Die jüdische Beziehung, die Verwiesenheit, ist wie die andere Medaillenseite der christlichen Existenz. Und wenn wir die nicht aktiv wahrnehmen, fallen wir früher oder später zurück in den Antijudaismus.
Gundula Gause: Wie würden Sie den Kern Ihrer Motivation beschreiben?
Prof. Dr. Christian Rutishauser: Der Kern der Motivation ist ganz tief in meiner religiösen Glaubensüberzeugung drin, die mir auch hilft, in Krisen des Dialogs letztlich dranzubleiben und ihn auf verschiedenen Ebenen zu sehen.
Gundula Gause: Zur Situation von Jüdinnen und Juden in Deutschland: Wir erleben zunehmende Anfeindungen. Was muss passieren, damit man in der Öffentlichkeit wieder mit der Kippa gehen kann?
Prof. Dr. Christian Rutishauser: Es ist für mich eine sehr tragische Situation, dass wir da hingekommen sind, wo wir sind – in Deutschland, in Zentraleuropa. Ich glaube, Bildungsarbeit, Erinnerungsarbeit – das bleibt alles eine große Notwendigkeit. Es braucht Aufklärung, Bürgerinitiativen, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie. Aber es scheint irgendwie nicht tief genug zu gehen. Und wie alle großen Fragen: Man kann sie nicht nur direkt angehen. Sondern man muss auch die indirekten Wege gehen. Wenn wir sehen, wie Antisemitismus entsteht, dann durch Verunsicherung, weil Leute ihre Identität nicht bilden können, weil sie Fremdenangst haben. Von daher ist Arbeit an einer Identitätsbildung von freien Menschen, die in den Dialog treten können – sei es durch Psychologie, durch Kunst, Sport, alle verschiedenen Bereiche hindurch – wirklich notwendig und eine Antisemitismus-Prävention, auch wenn es gar nicht unmittelbar darauf ange - legt ist. Eine humanistische Kultur, den Humanismus vom anderen her zu denken – das ist für mich die beste Präventionsarbeit.
Gundula Gause: Zur großen Frage dieser Zeit: Israel, der Nahe Osten; der Gaza-Krieg, der Iran-Krieg. Die Situation ist seit Jahrzehnten hochkomplex. Was kann der christlich- jüdische Dialog tun, um zu helfen?
Prof. Dr. Christian Rutishauser: Für mich ist das Wichtigste, Beziehungen zu pflegen, Begegnungen zu haben, Freundschaften nicht abbrechen zu lassen. Auch mir sind Freundschaften zerbrochen in den letzten Jahren an der politischen Situation. Da wieder anzuknüpfen ist etwas ganz Wichtiges. Dialog ist vom Wort her – Dialogos - durch das Wort; durch Vernünftiges; durch Humanes, per Definition eine Alternative zur Gewalt. Wenn Gewalt angewendet werden muss, ist sie immer das letzte Mittel. Und was wir jetzt gerade erleben: Jeder erntet auch die Früchte seiner vielen Jahre. Was wir im Iran gesehen haben, was in den letzten Jahren in Gaza, in Palästina, geschehen ist – es ist immer zu spät einzugreifen, wenn die Gewalt ausgebrochen ist. Die eigentliche Arbeit – und das ist die Dialogarbeit – ist vorher zu tun. Eine Zivilgesellschaft aufzubauen, zwischen Politik und dem Privaten, das ist die Aufgabe und der Bereich des Dialogs.
Gundula Gause: Wenn Sie in die Zukunft schauen: Worauf hoffen Sie, worauf bauen Sie, für Israel aber auch für jüdisches Leben in Deutschland?
Prof. Dr. Christian Rutishauser: Mich mit dem Judentum auseinanderzusetzen, mit jüdischer Geschichte, mit dem jüdischen Volk, ist für mich – jenseits des Religiösen – eine Art Fokussierung auf Menschheitsfragen, auf die Menschheitsgeschichte, weil die jüdische Geschichte immer wie ein Seismograph funktioniert. Immer sind die Probleme aber auch die schönen Seiten des Lebens etwas früher als in der Gesamtgesellschaft und etwas pointierter sichtbar. Und wenn ich auf Israel schaue, so haben wir jetzt wieder die Auseinandersetzung, wie geht Religion und Politik, wie geht Völkerverständigung? Auf einmal ist die jüdische Frage wieder mittendrin in einer geopolitischen Auseinandersetzung. Es geht nicht nur um Palästina und um Israel. Es geht um globale Aus - einandersetzungen. Und gerade, welche Rolle die Religion darin spielt. Nach der Moderne müssen wir uns diese Fragen neu stellen. Was bedeutet Säkularisierung? Was bedeutet Religion im öffentlichen Raum? Was ist politische Theologie? Und hier stehen wir am Anfang und können es mit Israel, mit Palästina zusammen,mit Juden, Muslimen und Christen, mit Atheisten, mit allen Menschen guten Willens einfach versuchen,Wege zu gehen, um gemeinsam zu lernen.



