CJZ 2026 Eröffnung
„Wir müssen uns klarmachen, dass der Hass und die Gewalt, die sich gegen jüdische Menschen und jüdische Einrichtungen richtet, ein Angriff auf uns alle ist.“
Rede zur Eröffnung der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit 2026 – 5786/5787 von Pfr. i. R. Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, meine sehr geehrten Damen und Herren,
„Schulter an Schulter – mit einander“, so lautet das Jahresthema für die Christlich-jüdische Zusammenarbeit 2026 – im jüdischen Kalender 5786/87. Diese bildhafte Beschreibung eines gemeinsamen Wirkens ist entnommen aus der Schrift des biblischen Propheten Zefania. Es steht im Kontext einer Vision des Propheten. Eine Vision, die etwas überraschend zum Ausdruck kommt - nach einer schweren und heftigen Kritik.
Heftig kritisiert der Prophet das Tun und Lassen der Völker in seiner Zeit vor etwa 2600 Jahren. Heftig kritisiert er auch das Tun und Lassen im antiken Volk Israel und in der Stadt Jerusalem. Eine Stimme vor etwa 2600 Jahren und sie klingt, als würde sie vom Handeln der Völker in Nahen Osten heute reden. - Umso erstaunlicher aber lässt der Prophet seine Kritik in eine Vision münden, dass sich Gott für ein neues Miteinander der Völker einsetzen will.
Interessant ist, was der Prophet als Vorbedingung für dieses gemeinsamen Wirkens benennt, nämlich, dass die Völker „reine Lippen“ erhalten sollen. Reine Lippen, also eine geheilte Sprache. Sprachheilung als Weg, um zu einem neuen Miteinander zu kommen.
In den 80 Jahren des christlich-jüdischen Dialogs haben wir das erfahren dürfen. Unser langjährige jüdische Präsident Rabbiner Henry Brandt, sel. A., hat die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, die Zeit nach dem Holocaust als eine Zeit der Sprachlosigkeit bezeichnet. Eine Zeit der Sprachlosigkeit zwischen Christen und Juden, zwischen Jüdinnen und Christinnen. Wie sollte man da Worte finden nach dem unfassbaren, grauenvollen Verbrechen? Es waren die Pioniere des christlich- jüdischen Dialogs, gerade auch in den christlich-jüdischen Gesellschaften, die in dieser Zeit sich auf die Suche nach einer neuen Sprache machten, nach Worten, die ein neues Verständnis zwischen den Kirchenund der jüdischen Gemeinschaft suchten.
Heute können wir sagen: wir haben dabei viel gelernt. Wir haben gelernt, neu zueinander zu reden und neu übereinander zu sprechen. Es konnte gelingen, dass das Verhältnis der Kirchen gegenüber dem Judentum auf eine völlig neue Grundlage gestellt wurde. Es konnte gelingen, dass wir in den jüdisch-christ - lichen Beziehungen einander haben neu wahrnehmen können. Auch unserer Preisträger, Christian Rutishauser, hat sich seit Jahren darin engagiert, eine neue Sprache zwischen Kirche und Judentum zu vertiefen und auszuweiten. Lieber Christian, ich freue mich sehr darüber, dass wir Dein wunderbares Wirken hier heute mit der Buber-Rosenzweig- Medaille haben würdigen und ehren können!
Und nun – aber zugleich: Wir müssen zu unserem Entsetzen wahrnehmen, wie sich in den letzten Jahren wieder eine Judenfeindschaft breit macht, wie der Antisemitismus erstarkt, in einer Weise, von der wir dachten, dass es nicht mehr möglich wäre.
Als ich neulich nach dem Gottesdienst in der Synagoge in Bad Nauheim nach draußen ging, rief mir der Sicherheits - beauftragte hinterher: Herr Pieper. Ich drehte mich um und er zeigte auf den Kopf. Ach, ja, ich hatte noch meine Kippa auf. Juden sehen sich gezwungen, ihre jüdischen Zeichen in der Öffentlichkeit zu verstecken und sie erinnern ihre Gäste daran, dies auch zu tun. Dass dies jetzt unsere Gegenwart ist, finde ich unerträglich. Ich finde es unerträglich, dass sich Antisemitismus in unserem Land auf katastrophale Weise breit macht. Ich finde es unerträglich, dass unsere jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn zutiefst verunsichert werden; dass sie den Davidstern verstecken und die Kippa, Zeichen ihrer jüdischen Identität. Ich finde es unerträglich, dass jüdische Gemeinden Drohbriefe erhalten und Hass-Mails, dass es Anschläge auf Synagogen gibt. Ich finde es unerträglich, dass jüdische Studierende an unseren Hochschulen ein Klima der Angst erleiden. Das muss aufhören!
Wir müssen gemeinsam dagegen aufstehen. Wir müssen das überwinden! Vor allem müssen wir uns klarmachen, dass der Hass und die Gewalt, die sich gegen jüdische Menschen und jüdische Einrichtungen richtet, ein Angriff auf uns alle ist. Wir dürfen dem Hass und der Gewalt keinen Raum lassen. Wir dürfen der kranken Sprache der Verachtung keinen Raum lassen.
Anhänger insbesondere derabrahamischen Religionen, des Judentums, des Christentums und des Islam wissen um die großen Potentiale ihrer Religionen für Versöhnung und Verständigung, für Frieden und Gerechtigkeit. Leider aber gibt es auch Auslegungen von religiösen Traditionen, die Hass schüren und Gewalt verherrlichen. Dagegen ist das Beten für Versöhnung und das Einsetzen für eine religiöse Verpflichtung, sich für ein friedvolles Miteinander-Leben einzusetzen, zu stärken. Der religiöse Grundgedanke, dass der Mensch vor Gott zu einem verantwortlichen Leben aufgerufen ist, ist eine starkes Motiv, sich für eine menschenfreundlichere Welt einzusetzen.
Der Glaubensgrundsatz, dass jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist, ein Bild Gottes, setzt Kräfte frei, sich für die Überwindung von Hass und Gewalt einzusetzen und sich jeder Missachtung, Verzerrung und Verleumdung anderer Religionen und Kulturen zu widersetzen. Dafür sollten wir beten und dafür müssen wir uns „Schulter an Schulter“ einsetzten! Zum Schluss habe ich zu danken. Die Eröffnungsfeier und das ganze Rahmenprogramm an diesem Wochenende in der schönen Stadt Köln haben wir mit verschiedenen Kooperationspartnern vorbereiten und durchführen können.
Ich danke Herrn Ministerpräsident Wüst für die Unterstützung des Landes Nordrhein- Westphalen. Ich danke Herrn Oberbürgermeister Burmester für die wunderbare Hilfe, die wir von Seiten der Stadt Köln haben erleben dürfen. Ich danke der Kölnischen Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, der Karl Rahner Akademie, der Melanchthon Akademie und dem Katholischen Bildungswerk Köln für das fruchtbare Zusammenwirken „Schulter an Schulter“, für ein interessantes Gesamtprogramm an diesem Wochenende hier in Köln.
Und so ist es mir nun eine Freude und eine Ehre, im Namen der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Deutschland und im Namen von deren Koordinierungsrat sagen zu dürfen: Hiermit eröffne ich das“ Jahr der christlich- jüdischen Zusammenarbeit 2026 – im jüdischen Kalender 5786/87“.
Schön, dass Sie dabei sind!



