CJZ 2026 Laudatio
„Wenn Erfüllung in Christus exklusiv gesetzt wird, dann wird christliche Identität auf Kosten der jüdischen formuliert“
Laudatio von Prof. Dr. Christoph Markschies für Prof. P.Dr. Christian Rutishauser SJ
Ein Theologieprofessor bekommt in diesem Jahr 2026 die Buber-Rosenzweig- Medaille, verehrter Herr Ministerpräsident, sehr verehrte Abgeordnete, Bischöfinnen und Bischöfe, Geistliche, Rabbinerinnen wie Rabbiner, Verantwortliche in jüdischen wie christlichen Gemeinden und Organisationen, meine sehr verehrten Damen und Herren – ein Theologieprofessor bekommt in diesem Jahr 2026 die Buber-Rosenzweig-Medaille, Christian Rutishauser, und ein anderer Theologieprofessor hält die Laudatio und da wird sich der eine und die andere fragen: Braucht es in diesen Zeiten wirklich Theologie, soviel Theologie, soviel Theologen? Braucht es angesichts der Tatsache, dass der Antisemitismus, entsprechende Vorurteile ebenso wie entsprechend motivierte Straftaten, nicht nur hierzulande in einem Maß zugenommen hat, das wir uns alle in den schlimmsten Alpträumen nicht vorstellen konnten, – braucht es da ausgerechnet Theologie und nicht vielmehr gemeinsames bürgerschaftliches Engagement? Braucht es angesichts der Tatsache, dass auch hierzulande an verschiedenen Universitäten der Mob jüdische Studierende bedroht und sie ebenso wie Kolleginnen und Kollegen aus Israel für die Politik einer Regierung verantwortlich macht, die sie meistens überhaupt nicht wählen konnten oder dezidiert nicht gewählt haben – braucht es da Theologieprofessoren oder nicht eher entschlosseneres Handeln aller auf dem Campus? Geht es gerade nicht eher um Zivilcourage, ums entschlossene Handeln, und gar nicht um Theologie, um fein ziselierte Theorie? Und trägt nicht die christliche Theologie ein gerüttelt Maß Schuld an der Misere, um deren Bekämpfung wir uns alle mühen?
Geht man die eindrucksvolle Liste derer durch, die seit 1968 die Buber-Rosenzweig- Medaille erhalten haben, finden sich da natürlich auch immer wieder einmal christliche Theologieprofessoren – schon im ersten Jahr, 1968, ein evangelischer Kollege, Friedrich-Wilhelm Marquardt, und 1985 auch ein katholischer, Franz Mußner aus Passau. Zudem kann ja gar kein Zweifel daran bestehen, dass der 1965 in St. Gallen geborene Christian Rutishauser, Professor für Judaistik und Theologie in Luzern, eine Persönlichkeit ist, die „sich um die Verständigung zwischen Christen und Juden verdient gemacht“ hat, „sowie einen Beitrag auf den Gebieten der Wissenschaft, Kultur, Politik oder Gesellschaft für die christlich-jüdische Zusammenarbeit geleistet“ hat, also laut Verleihungsbedingungen die vom Deutschen Koordinierungsrat gestiftete Medaille zur Erinnerung an zwei bedeutende jüdische Religionsphilosophen des letzten Jahrhunderts verdient hat., wie ich gleich noch etwas ausführlicher zeigen werde. Mit Christian Rutishauser wird aber nicht nur einfach ein Theologieprofessor geehrt, weil mal wieder einer dran war, sondern – so scheint mir jedenfalls – einer, der zeigt, warum es Theologie und Theologieprofessoren exakt dafür braucht, um dem schrecklichen Wiedererstarken des Antisemitismus wirkungsvoll und ganz praktisch entgegenzutreten, der Gewalt gegenüber jüdischen Mitbürgern entschlossen einen Riegel vorzuschieben und Schulter an Schulter miteinander und also mit den Betroffenen zu stehen, wie das so bitter notwendige Jahresthema des Koordinierungsrats 5786/5787 bzw. 2026 so bildreich formuliert.
Rutishauser demonstriert immer wieder, warum es dazu Theologie braucht und dann eben auch Theologieprofessoren (und Professorinnen): „Rationale Aufklärung genügt dabei nicht“, hat er jüngst gesagt, „es braucht auch spirituelle Transformation und tiefere Persönlichkeitsbildung“ als neue Ansätze, um eine Genera - tion von Menschen zu erreichen, für die „die Erinnerung an die Schoa und die Aufarbeitungsgeschichte nicht mehr so nah sind“, für die „die liberale, offene Gesellschaft als Rahmen wegbricht“ – die liberale, offene Welt, die glaubte, Gesellschaft, Kirche und Theologie den Antisemitismus und den Antijudaismus ausgetrieben zu haben, von ein paar Ewig-Gestrigen einmal abgesehen. „Spirituelle Transformation und tiefere Persönlichkeitsbildung“ – das ist, kaum verwunderlich bei Christian Rutishauser, ein jesuitisches Programm von Theologie und ein Professions-Verständnis eines Theologieprofessors, der 1992 in die societas Jesu, in die „Gesellschaft Jesu“ eintrat. Pater Rutishauser, zeitweilig sogar Schweizer Provinzial seines Ordens, weist nicht nur gern auf jüdische Konvertiten in den ersten Jahrzehnten der „Gesellschaft Jesu“ hin, sondern hatte laut eigener Auskunft „schon immer den Eindruck, dass zwischen jesuitischem und rabbinischem Glaubens- und Weltverständnis eine Verwandtschaft besteht“. Deswegen hat, wenn ich recht sehe, ihn sein Weg in den Orden nicht von einer Nähe zum Judentum weggeführt das im Studium grundgelegt wurde und während des Doktoratsstudiums der Judaistik und eines Forschungsstudiums an der Hebräischen Universität in Jerusalem vertieft wurde.
Den evangelischen Theologieprofessor, der gerade spricht, berührt es sehr sympathisch, dass Rutishauser die anfängliche Beschäftigung mit der Hebräischen Bibel, mit ihrem hebräischen Urtext, zu Beginn des Studiums als eigentliche Wurzel seiner Beschäftigung mit dem Judentum ansieht: Der Rückgang auf die Quellen und dann das tiefe Eindringen in eben diese Quellen – Hebräisch gründlicher lernen als das eine Semester, in dem es ein normaler Studierender zu lernen hat, Bibel in Israel selbst studieren, sieben Monate von der Schweiz „zu Fuß nach Jerusalem“ (so der einschlägige Buchtitel) wandern – bringt nicht nur in ein positives Verhältnis zum biblischen Judentum. Es erschließt die reiche Fülle des nachbiblischen Judentums bis in unmittelbare Gegenwart; ich höre immer noch Schalom Ben Chorin, der 1982 die Buber-Rosenzweig-Medaille bekommen hat, noch mit dem schönen Satz seiner oberpfälzischen Großmutter: „Wie es sich christelt, so jüdelt es sich auch“.
Christian Rutishauser hat nicht nur über die für christliche Professoren bequemen jüdischen Kollegen gearbeitet, die für den jüdisch-christlichen Dialog schon so vorgedacht und vorgelebt haben wie Martin Buber und Franz Rosenzweig oder eben Ben Chorin. Rutishausers Luzerner judaistische Dissertation aus dem Jahre 2002 beschäftigte sich mit dem lange an der New Yorker Yeshiva-Universität lehrenden jüdisch-orthodoxen Gelehrten und Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik (1903-1993), genannt „der Rav“. Offenkundig war und ist Rutishauser vom Versuch von Soloveitchik fasziniert, eine Antwort auf die Herausforderungen der Moderne, auf Säkularisierung und Technisierung, zu versuchen, die die Teilnahme an der modernen Gesellschaft mit ihrem wissenschaftlichen Weltbild mit der Bewahrung orthodoxer Frömmigkeit verbindet, ein wenig wie ein Jesuit sozusagen – Soloveitchik spricht schon mitten im Zweiten Weltkrieg vom „halachischen Menschen“ als der Alternative zu einem rein kognitiv, auf Weltbeherrschung orientierten menschlichen Lebensentwurf. Ich kann mir als Berliner übrigens nur mühsam Bemerkungen dazu verkneifen, dass Soloveitchik wie der spätere Lubawitscher Rebbe Menachem Mendel Schneerson in den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren an meiner Berliner Universität studierte und man dringend einmal diesen verborgenen Einfluss des Berliner Universitätsstudiums auf maßgebliche orthodoxe und chassidische Rabbiner vergleichend untersuchen müsste. Aber davon ein andermal. Denn heute geht es um Christian Rutishauser und der jedenfalls hat nie in Berlin studiert.
Schon bei der Lektüre der partiell auch ins Englische übersetzten Dissertation über den Rev Soloveitchik wird klar, warum sich Rutishauser nicht mit gern im jüdischchristlichen Dialog verwendeten Formeln zufrieden gibt wie der, dass wir alle an den denselben Gott glauben, sondern die Unterschiede zwischen den beiden Glaubensgemeinschaften präzise bestimmen kann – es reicht, an das von ihm in diesem Zusammenhang genannte Stichwort der Trinitätstheologie zu erinnern, die jüdisches und christliches Glauben trennt. Rutishauser kann kritischer fragen und tiefer analysieren, weil so er neue Formen tieferliegender Konvergenz von Judentum und Christentum aufdecken kann, beispielsweise eben bei Soloveitchik, zu dessen auch nicht immer ganz einfach zugänglichen Texten ein normaler christlicher Theologieprofessor eher nicht greift. So wird die Basis dafür geschaffen, dass sich auch unter den Herausforderungen einer späten Moderne das Christentum, im Angesicht des Zusammenbruchs seiner ererbten, klassisch mitteleuropäischen, volkskirchlichen Form, neu orientieren kann ohne das weiter „auf Kosten des Judentums zu tun – anders als es durch viele Jahrhunderte hindurch geschehen ist“. Rutishauser fragt – beispielsweise in dem schlechterdings grundlegenden „Studienhandbuch für Lehre und Praxis“, das 2024 unter dem Titel „Jüdischchristlicher Dialog“ in Tübingen erschien, welche Bedeutung die mündliche Torah und das dahinterstehende jüdische Offenbarungsverständnis für die christliche Theologie haben. Unter der Überschrift „Theologie der Spiritualität“ sucht er nach Gemeinsamkeiten der lectio divina, einer Bibellektüre aus monastischer Tradition, und rabbinischen Arten, biblische Texte zu lesen, aber auch nach Unterschieden. 2020 hat er in einer Petition gefordert, das „Fest der Beschneidung des Herrn“ in der katholischen Liturgie wieder herzustellen, um so in besonderer Weise an das Judentum Jesu von Nazareth zu erinnern, aber auch an die jüdische Verehrung des Gottesnamens.
Noch einmal zum Schluss dieser Laudatio gefragt: Warum ist aber das, was ich da ansatzweise aus Texten des diesjährigen Preisträgers entfaltet habe, genau in der gegenwärtigen Situation unserer Tage die richtige Theologie und damit auch der richtige Theologieprofessor für die Buber- Rosenzweig-Medaille? Rutishauser kann zeigen, dass man durch eine so profilierte theologische Arbeit das Gewaltpotential reduzieren kann, dass sich im Christentum seit der Spätantike angesammelt hat – und, man muss ja nur den Namen des amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance nennen – gegenwärtig nicht nur in den USA eine einfach nur schreckliche Neubelebung erfährt. Und damit kann auch konkret etwas für den Frieden in der Gesellschaft getan werden, Rutishauser führt das immer wieder ganz praktisch vor.
Wenn Kirche und Theologie nicht mehr bestreiten, dass die göttliche Berufung des jüdischen Volkes weiter besteht, dann stehen Judentum und Christentum nicht nur aus Gründen bürgerschaftlichen Engagements für das Lebensrecht jüdischer Menschen hierzulande Schulter an Schulter, sondern aus den tiefsten Gründen, die ein Mensch für Zivilcourage überhaupt haben kann: den biblischen Glauben in seinem zweifachen Ausgang: „Mir geht es bei meinem Einsatz für den jüdisch-christlichen Dialog um einen Beitrag zur Überwindung von Gewalt“, sagt Christian Rutishauser. Dieser so praktisch gewordene Dialog ist sein Lebensthema, für das er, wie es sich für einen aufrechten Jesuiten gehört, dann sogar gegen seine kirchlichen Oberen eintritt – und sei es der Papst höchstpersönlich, dessen Aufsatz „Gnade und Berufung ohne Reue“ Rutishauser 2018 in einer großen Schweizer Tageszeitung einer geharnischten Kritik unterzog: „ „Wenn Erfüllung in Christus exklusiv gesetzt wird, dann wird christliche Identität auf Kosten der jüdischen formuliert“.
Vielleicht scheint es heutigentags wenig verwunderlich, wenn ein evangelischer Theologieprofessor glaubt, dass die katholische Theologie eines Jesuiten in der gegenwärtigen schwierigen Situation ganz konkret gegen Antisemitismus und Antijudaismus hilft – aber glauben sie mir, verehrte Damen und Herren, in Wahrheit ist eine solche Theologie weder in katho - lischen noch in der evangelischen Universitätstheologie selbstverständlich. Weil wir sie jetzt aber nötiger denn je brauchen, ist dem Koordinierungsrat zu danken, dass er Christian Rutishauser mit der Buber- Rosenzweig-Medaille für das Jahr 2026 ausgezeichnet hat und dem Ausgezeichneten von ganzem Herzen zu gratulieren.
Vielen Dank!



