Themenheft online 2014: "Freiheit - Vielfalt - Europa"

Das Israelbild in deutschen Schulbüchern.

Das Klischee eines Konfliktstaates

Christian Böhme

 

Wenn es um Israel geht, kann es schnell Streit geben. Das Image des jüdischen Staates ist schlecht. Selbst in deutschen Schulbüchern kommt das Land oft nur im Kontext von Krisen vor. Von Normalität keine Spur - das muss sich ändern.

Sie wollen einer müden Diskussion ein bisschen Schwung verleihen? Mal richtig hitzköpfig debattieren? Oder endlich wissen, ob ihre uralte Freundschaft einen echten Stresstest übersteht? Kein Problem! Sie brauchen sich nur zu Beginn des Gesprächs als Israelfreund zu outen und betonen, dass Jerusalem womöglich nicht die alleinige Schuld am Nahostkonflikt trägt. Dann geht es im Handumdrehen richtig zur Sache. Rot anlaufende Köpfe und Geschrei inklusive. Denn der jüdische Staat erhitzt wie wenig anderes die Gemüter. Und Israel kommt zumeist schlecht weg.

Kriegstreiber, Friedensfeind, Apartheidsregime – mit anderen Worten: eine Gefahr für die Welt.

Normalität? Fehlanzeige!

Ein mit Vorurteilen aufgeladenes Klischeebild, sicherlich. Und eines, das anscheinend mit ähnlichem Inhalt bereits in deutschen Klassenzimmern vermittelt wird. Das lässt sich zumindest aus dem Zwischenergebnis einer Untersuchung des Braunschweiger Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung folgern. Die Wissenschaftler haben knapp 70 Bücher für Grund- und Oberschulen aus fünf Bundesländern begutachtet. Das wenig überraschende, gleichwohl verstörende Fazit: Israel taucht im Unterrichtsmaterial der Fächer Geschichte, Sozialkunde und Geografie ausschließlich (so sehen es die Lehrpläne vor) im Kontext des Konflikts mit den Palästinensern auf, also als eine Art Krisenstaat. „Die Normalität kommt nur selten vor“, sagt Historiker Dirk Sadowski. Zudem gebe es handwerkliche Fehler. In ein paar Büchern seien Aussagen und Bildsprache sogar grob verzerrend. Kein Wunder, dass Israels Botschafter Yakov Hadas-Handelsman beklagt, zwischen der deutschen Darstellung seines Landes und der israelischen Realität herrsche „eine große Diskrepanz“.

Nun ist es die vornehmste Aufgabe eines Diplomaten, seine Heimat in möglichst strahlendem Licht erscheinen zu lassen. Klar ist jedoch: Israel sieht sich mit vielen außen- und innenpolitischen Herausforderungen konfrontiert. Die aufs Militär gestützte Herrschaft über palästinensische Gebiete einschließlich des Siedlungsbaus kostet nicht nur eine Menge Geld, sondern die Bürger auch viele Nerven – von der einhelligen Kritik an der Besatzung ganz zu schweigen. Zudem wird die Kluft zwischen Armen und Reichen immer größer. Auf die Frage, wie man die vielen schutzsuchenden Flüchtlinge aus Afrika angemessen behandeln sollte, gibt es (wie etwa in Italien) bislang keine befriedigende Antwort. Israel, ein normaler Staat mit normalen Problemen.

Vorschläge fürs Klassenzimmer

Davon könnte in hiesigen Schulbüchern endlich die Rede sein. Und davon, dass wir im Westen viele Werte mit Israel teilen. Zum Beispiel ist dieser Staat eine Demokratie. Regierungen werden von aufgeklärten Bürgern gewählt. Jeder darf seine Meinung äußern, die Presse genießt weitgehende Unabhängigkeit. Nicht zu vergessen: Israel ist ein Rechtsstaat. Wer glaubt, es sei gegen Gesetze verstoßen worden, kann Anwälte beauftragen und Gerichte anrufen. Im Nahen Osten sucht man solche Freiheiten zumeist vergeblich. Schade, dass all dies in deutschen Klassenzimmern fast nie zur Sprache kommt. Aber womöglich ändert sich das bald. Bis 2015 will das Georg- Eckert-Institut seine Studie abschließen und Verbesserungsvorschläge machen. Zeit wird’s.

Quelle: Der Tagesspiegel, 31.10.2013;
Wiederveröffentlichung hier mit freundlicher Genehmigung


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