Laudatio von Dr. Frank-Walter Steinmeier

Laudatio von Dr. Frank-Walter Steinmeier anlässlich der Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an den EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider am 11. März 2012 in Leipzig



Lieber Nikolaus Schneider,
meine sehr verehrten Damen und Herren,


vor fast 90 Jahren, im Januar 1923, schrieb Franz Rosenzweig an einen Freund: Die Frage, wie sich bei mir Deutschtum und Judentum zueinander verhalten, kann ich nicht beantworten. Und er fuhr fort: „Wenn das Leben mich einmal auf die Folter spannen würde und mich in zwei Stücke reißen, so wüsste ich freilich, mit welcher der beiden Hälften das Herz, das ja unsymmetrisch gelagert sei, mitgehen würde; aber ich wüsste auch, dass ich diese Operation nicht lebendig überstehen würde…“

Ich bin bei der Vorbereitung der heutigen Rede auf dieses Zitat gestoßen, und es hat mich tief berührt. Denn es erinnert in eindrücklicher Weise an die einzigartige deutsch-jüdische, christlich-jüdische Symbiose, die unser Land einmal geprägt hat. Namen wie Max Reinhard, Hugo von Hofmannsthal, Max Liebermann, aber auch Hugo Preuß, Rosa Luxemburg und Walter Benjamin kommen mir in den Sinn, viele andere könnte man noch nennen. Sicher ist eins: Die intellektuelle und kulturelle Hochblüte, die Deutschland in den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts erlebt hat, wäre ohne diese Symbiose nicht möglich gewesen.

Und auch die dunkle Seite taucht bereits auf! Wir spüren an dem Bild – Zerrissenheit, Bedrängnis, Folter, Tod - dass für sensible und wache Geister wie Franz Rosenzweig bei aller Verwurzelung in der deutschen Kultur doch immer ein Rest, ein großer Rest, an Verunsicherung blieb. Franz Rosenzweig selbst hat nicht mehr erlebt, wie diese dunkle Seite seiner Vision für Millionen deutscher Juden grausame Realität werden sollte. Er starb nach langer Krankheit am 10. Januar 1929. Wenige Jahre nach seinem Tod haben die Nationalsozialisten und ihre Mitläufer diese deutsch-jüdische Symbiose für immer zerstört.

Warum beginne ich meine Laudatio mit diesem Rückblick? Ich tue es, weil von hier ein direkter Weg zu unserem Preisträger führt. Ich kenne Nikolaus Schneider seit vielen, vielen Jahren. Ich kenne ihn als Theologen, als politischen Gesprächspartner, als Seelsorger, als Freund. Ich kenne ihn vor allem aber als einen Menschen, der mit allen Facetten seines Denkens und Redens aus der deutschen Geschichte lebt. Ihre Höhen und ihre schrecklichen Tiefen sind ihm vertraut wie wenigen sonst, und das nicht nur mit dem Kopf. Nikolaus Schneider ist ein Mensch, der diese Geschichte mit dem Herzen lebt. Sein Christsein ist nicht ort- und nicht zeitlos. Er weiß: Christ ist man an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Zeit, aufgespannt zwischen Herkunft und Hoffnung. In seinen eigenen Worten: „Die Erdenherzen von uns Menschen haben Antennen für die Himmelsschätze Gottes. Und: Wir Menschen tragen Verantwortung vor Gott und für diese Erde.“

Immer wieder hat Nikolaus Schneider das Wort des Paulus aus dem Römerbrief zitiert: „Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich.“ Das ist ja zunächst von Paulus als eine theologische Aussage über das Verhältnis von Christentum und Judentum gemeint. Aber wenn Nikolaus Schneider diesen Bibeltext anführt, dann ist es für ihn viel mehr! Dann ist es die Warnung vor einem falschen Überlegenheitsgefühl, vor christlicher, auch christlich verbrämter nationaler Überheblichkeit. Dann ist das der Hinweis darauf, dass das Erbe der Väter – und zwar unter Einschluss unserer jüdischen Väter - das Fundament ist, auf dem unser eigenes Gebäude steht.

Nikolaus Schneider hat ein lebendiges Gefühl dafür, was der deutschen Kultur nach 1933, nach Reichspogromnacht und Auschwitz, verloren gegangen ist. Er kaschiert diesen Verlust nicht. Der Schmerz bleibt in seinem Herzen wach. Und vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass sich der junge Theologiestudent an der Kirchlichen Hochschule in Wuppertal im Jahr 1967 mit so großer Leidenschaft in das Studium der hebräischen Sprache stürzte. Sogar beim Fußballspielen, so erinnern sich Kommilitonen, habe er seine Vokabelkarten dabei gehabt. Ob das beim Toreschießen geholfen hat, wissen wir leider nicht; zu frommer Sanftmut auf dem Platz soll es jedenfalls nicht beigetragen haben!

Zu anderen Auffälligkeiten schon, berichten alte Weggenossen glaubwürdig: Seine erste große Liebe habe den Büchern von drei alten Hebraisten aus dem 19. Jahrhundert gegolten: Wilhelm Gesenius, Ludwig Köhler und Walter Baumgartner. Wir sind froh, dass es dabei nicht allein geblieben ist: Seine zweite große Liebe, seine Frau Anne, seine Lebensliebe, traf er wenig später, auch das als Student. Beiden großen Lieben ist er treu geblieben und beides gehört bei Nikolaus Schneider zusammen: Noch heute lesen er und seine Frau Anne jeden Morgen gemeinsam die Losung und den Lehrtext, oft auch im Original, wie ich weiß.

Die Liebe zur hebräischen Bibel und zur jüdischen Tradition zieht sich wie ein roter Faden durch sein berufliches Leben. Die Evangelische Kirche im Rheinland, deren Pfarrer er seit 1976 war, hat in Deutschland seit jeher besondere Verantwortung für den christlich-jüdischen Dialog übernommen. Der Synodalbeschluss von 1980 zur „Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden“ war ein Markstein auf dem Weg zu mehr Gemeinsamkeit.

Mit großer Klarheit bekennt sich die rheinische Kirche in diesem Papier zur christlichen Mitverantwortung und Schuld am Holocaust. Seit 1997 war Nikolaus Schneider Vizepräses der rheinischen Landeskirche, seit 2003 ihr Präses. In beiden Ämtern setzte er sich engagiert dafür ein, dass seine Kirche ihrer Vorreiterrolle treu blieb. In Kirchen- und Prüfungsordnung wie auch in der kirchlichen Praxis hat er dafür gesorgt, dass das Bekenntnis zur jüdisch-christlichen Verständigung nicht toter Buchstabe blieb, sondern von Pfarrern und Gemeinden gelebt wurde.

Worin kommt das zum Ausdruck? Drei konkrete Punkte zur Illustration:

Erstens: Die Evangelische Kirche im Rheinland ist vielleicht die einzige Kirche in Deutschland, die so etwas wie einen jüdischen geistlichen Berater hatte. Der bei Breslau geborene, später in den Niederlanden lebende Rabbiner und Auschwitz-Überlebende Yehuda Aschkenazy hat den Synodal-Beschluss von 1980 maßgeblich mit geprägt. Er war immer zur Stelle, wenn es um jüdisch-christliche Fragen ging. Mit Yehuda Aschkenazy verband Nikolaus Schneider bis zu seinem Tod im Juni 2011 eine tiefe Freundschaft.

Zweiter Punkt: Für Nikolaus Schneider ist das Barmer Bekenntnis von 1934 so etwas wie die kurz gefasste Summe seines Glaubens. Aber wie viele andere hat er darunter gelitten, dass die Bekennende Kirche 1934 nicht die Kraft hatte, sich mit klaren Worten zu ihren jüdischen Brüdern und Schwestern zu bekennen. Nikolaus Schneider hat entscheidend mitgeholfen, dass direkt neben der Wuppertal-Gemarker Kirche, in der sich die Barmer Bekenntnissynode traf, eine neue Synagoge entstand. Diese Synagoge, die im Jahr 2002 eingeweiht wurde, ist für ihn so etwas wie die fehlende 7. These des Barmer Bekenntnisses. Sie ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Verheißung Gottes für Kirche und Synagoge in gleicher Weise gilt.

Der dritte Punkt ist vielen hier im Saal bekannt: Nikolaus Schneider hat sich immer wieder klar gegen die Mission von Juden gewandt. Er selbst beschreibt seine Haltung als Ergebnis eines Lernprozesses, und auch hier merkt man, wie eng für ihn theologische Haltung und geschichtliche Verantwortung ineinandergreifen. In seinen eigenen Worten: „Nach allem, was in der Kirchengeschichte und in der politischen Geschichte unseres Landes geschehen ist, kann ich verstehen, dass Jüdinnen und Juden… jeden Versuch von Judenmission als eine – wenn auch nicht Menschen mordende, aber die Existenz des jüdischen Volkes bedrohende – Form von Judenverfolgung ansehen müssen.“

Ein hartes Wort, unmissverständlich in der Diktion; sein Wort stand quer im Raum. Auch wenn manche Aufregung sich gelegt hat: seine Haltung hat für Kontroverse gesorgt und sorgt bis heute dafür! Bis heute ist die Frage der Judenmission ein heißes Eisen innerhalb der EKD. Aber heiße Eisen schrecken Nikolaus Schneider nicht! Und wenn man seiner Argumentation folgt, dann spürt man, was ihn an der Judenmission am meisten stört: das selbstverständliche Überlegenheitsgefühl, mit der hier die Kirche der Synagoge entgegentritt. Diese Art von Selbstgewissheit hat Auschwitz ein für alle Mal zunichte gemacht, das ist Schneiders Standpunkt – und das hat Konsequenzen, für christliche Theologie und die Praxis christlicher Mission.

Überhaupt: Praxis. Nikolaus Schneider ist kein Schreibstubengelehrter. Es hat ihn immer hinausgetrieben, hinaus zu den Menschen, dort wo das Leben hart war, wo sie um ihre Zukunft, um Lohn und Brot kämpften, hinaus in die Arbeiterviertel, überall dorthin, wo Christsein nicht selbstverständlicher Bestandteil des Alltags und meistens auch nicht des Sonntags ist.

Noch als Student veröffentlicht er einen kleinen Beitrag in einem Sammelband. Darin spricht er von der die Verhältnisse ändernden Kraft der Theologie. Er betont ihre „brisante Diesseitigkeit“. Und er fordert, sich um die große Frage der sozialen Gerechtigkeit zu kümmern, im internationalen Rahmen und hier zu Hause, bei uns.

Mag sich die Sprache in den letzten 40 Jahren ein wenig verändert haben, diesem Grundansatz ist Nikolaus Schneider bis heute treu geblieben. Er ist Seelsorger, Geistlicher, Prediger, Bischof, Präses, Ratsvorsitzender … Alles das ist er! Aber ich habe ihn immer als einen eminent politischen Menschen erlebt, nicht im vordergründigen, parteipolitischen Sinne, sondern ganz im Sinne des altgriechischen zoon politikon: ein Bürger, der weiß, woher er kommt und was er den Generationen nach sich schuldig ist.

Wenn wir uns fragen, wo diese politische Haltung Nikolaus Schneiders ihre sichtbarste Ausprägung findet, dann stoßen wir wieder auf unser heutiges Thema: auf das christlich-jüdische Verhältnis. Allerdings jetzt in politisch gewendeter Gestalt, als Verhältnis zum Staat Israel.

Nikolaus Schneider hat sich immer mit großer Klarheit zum Existenzrecht Israels bekannt. Er hat es getan als Deutscher, als Theologe, als deutscher Theologe nach dem Holocaust. In seinen eigenen Worten klingt das so: „Für uns Christinnen und Christen ist der Staat Israel nicht nur ein Staat wie jeder andere, und zwar weil er für Jüdinnen und Juden mehr ist als nur ein Staat unter vielen. Mit der Erkenntnis unserer besonderen Verbundenheit zum jüdischen Volk ist notwendigerweise auch der Staat Israel als eine besondere Größe qualifiziert, da das Land Israel von grundlegender Bedeutung für jüdisches Selbstverständnis und jüdische Identität ist.“

Was Nikolaus Schneider hier sagt, geht weit über die üblichen Bekenntnisse zum Existenzrecht Israels hinaus. Jenseits aller historischen und völkerrechtlichen Begründungen hat die Existenz Israels für den Christenmenschen Schneider noch eine andere Dimension. Der Staat Israel ist ein Zeichen dafür, dass die Geschichte Gottes mit dem Volk Israel weitergeht. Manch einer hat diese Haltung so verstanden, als ginge es um eine theologische Überhöhung des Staates Israel, so, als bekäme er damit eine quasi-göttliche Legitimität. Nikolaus Schneider hat sich stets vehement gegen dieses Missverständnis gewehrt. Ein Zeichen ist nicht die Wirklichkeit. Der Staat Israel ist menschlich, fehlbar wie jeder andere Staat; wo er gegen Menschen- und Völkerrecht verstößt, verdient er Kritik. Aber wir Christen können nicht davon absehen, dass für unsere jüdischen Schwestern und Brüder Israel ein ganz besonderer Ort ist, nicht nur, aber eben auch wegen der Shoah. Israel ist ein Zeichen dafür, dass die Geschichte Gottes mit seinem Volk nicht zu Ende ist. Und auch das schafft für uns alle eine besondere Verbundenheit.

Kritik an Israel ist möglich, manchmal notwendig. Aber, so Nikolaus Schneider: „Wenn Kritik an der Politik Israels in der Infragestellung des Existenzrechtes des Staates mündet, wird damit eine Grenze überschritten: die Grenze zwischen einem Miteinander in kritischer Solidarität und einem Gegeneinander in unkritischer Parteinahme.“

Ich habe nun in meiner Verantwortung oft an dieser Grenze operieren müssen, die ja nicht ein für alle Mal fixiert ist, sondern in jeder konkreten Konfliktsituation neu justiert werden muss. „Miteinander in kritischer Solidarität,“ wie Nikolaus Schneider sagt, „Anerkennung der Interessen Israels ohne die Interessen anderer in der Region zu ignorieren“ - das ist für mich eine sehr großartige Formulierung für die Haltung, mit der auch deutsche Außenpolitik Israel gegenüber auftreten sollte. Darum habe ich mich bemüht und ich kann Ihnen deshalb kraft eigener Erfahrung sagen: Das schafft Vertrauen in Israel, und so behalten wir auch bei den arabischen Nachbarn Israels hohen Respekt! Gerade weil unser Bekenntnis zum Existenzrecht Israels klar und eindeutig ist, weil wir in unserer Verantwortung nicht wackeln, weil wir nicht auf vordergründigen Beifall und die Schlagzeile von morgen schielen, weil wir nicht die scheinbar einfachen Lösungen propagieren, auch deshalb schätzen uns neben Israel auch die arabischen Staaten als Gesprächspartner, deren Wort gilt!
Was kritische Solidarität heute konkret bedeutet, werden wir in den nächsten Monaten neu bestimmen müssen. Einfach wird das nicht. Im Nahen und Mittleren Osten ziehen wieder dunkle Wolken auf. Die Euphorie über den arabischen Frühling weicht wachsender Ernüchterung, der Nahost-Friedensprozess tritt bestenfalls auf der Stelle, Syrien steht am Abgrund, der Atomstreit mit dem Iran eskaliert täglich weiter! Israel kann zu Recht von uns erwarten, dass unser Nein zu einer iranischen Atom-Bombe klar, eindeutig und unmissverständlich ist. Eine iranische Atombombe wäre nicht nur Bedrohung Israels, auch der arabischen Nachbarn, sogar des Weltfriedens.

Das zu wissen, bedeutet allerdings nicht, dass die Lösung auf der Hand liegt. Die Befürworter des Militärschlags müssen wissen, dass darüber der gesamte Nahe und Mittlere Osten über Jahre in Chaos und Krieg versinken wird. Es muss nochmals aller politischer Ehrgeiz, Kraft und Mut versammelt werden, um eine Lösung unter Vermeidung des militärischen Konflikts zu suchen: mit klaren Ansagen, mit harten Sanktionen, aber auch mit festem Willen zu einer hoffentlich immer noch möglichen friedlichen Lösung!

Dieselbe Hoffnung für Syrien zu formulieren, fällt schwer angesichts der Bilder von Gewalt und Toten, die uns täglich erreichen. Kofi Annan befindet sich an diesem Wochenende auf einer „mission“, die fast „impossible“ ist: die Spirale der Gewalt aufzuhalten, das tägliche Morden zu beenden. Vor wenigen Tagen habe ich den griechisch-katholischen Patriarchen von Damaskus getroffen, einer von etwa 2 Millionen Christen in Syrien, ein ehrwürdiger alter Herr, der in München studiert hat und fließend Deutsch spricht, bevor er nach Damaskus berufen wurde, 12 Jahre in Jerusalem war. Er hat sich auf den Weg gemacht in großer Sorge: Er fürchtet einen Bürgerkrieg, der sein Land endgültig ins Chaos stürzen würde. Und er fürchtet um Veränderungen, die Christen und Juden in Syrien den Raum zum Leben nehmen. Und so reist er durch die europäischen Hauptstädte und wirbt um Verständnis dafür, dass in dieser Region Schwarz und Weiß nicht so einfach auseinander zu halten sind, dass im Nahen und Mittleren Osten ethnische, religiöse und nationale Unterschiede ein Geflecht bilden, das für Außenstehende kaum zu entwirren ist. Der Patriarch flehte mich geradezu an: Sorgt dafür, dass die Menschen genau hinsehen, was in Syrien passiert! Die Bilder erzählen einen grausamen Teil der schrecklichen Wahrheit unseres Landes, aber es ist noch nicht die ganze Wahrheit! Nehmt euch Zeit, strengt euch an, zu verstehen, was wirklich bei uns passiert und sorgt dafür, dass Syrien nicht auf Dauer zum Schlachtfeld aller gegensätzlichen arabischen und muslimischen Interessen wird.

Diese Bitte würde ich gern an Sie alle weitergeben: Aufklärung und Differenzierung fällt schwer mit Blick auf die Ereignisse in der Region. Aber ich frage Sie: Von wem soll sie kommen, wenn die Kirchen, wenn Sie alle dabei nicht mithelfen? Es fängt mit ganz einfachen Basics an: Wer erklärt den Menschen in Deutschland, was der Unterschied zwischen Sunna und Schia ist? Warum der Iran und Saudi-Arabien einander in abgrundtiefer Feindschaft verbunden sind? Warum so viele aus der arabischen Welt ihre Finger im syrischen Spiel haben. Warum sich saudische Wahabiten und ägyptische Muslimbrüder nicht grün sind? Solange wir uns nicht um die tieferen Gründe der arabisch-muslimischen Zerrissenheit kümmern, nicht um die Loyalitäten, Bündnisse und Koalitionen hinter den Kulissen – solange werden wir kaum einordnen können, was in Europas unmittelbarer Nachbarschaft gerade passiert. Und unsicher bleiben, auf welcher der vielen Seiten wir stehen! Meine feste Überzeugung ist: Auch das ist Verantwortung für Israel: mehr Wissen über die islamische Welt, ihre internen Konflikte und ihr reiches Erbe! Das gehört heute zur Brüderlichkeit hinzu!

Ich kann nicht enden ohne ein Wort zu Ereignissen, die uns im eigenen Lande aktuell bewegen: Das ist eine besondere Woche der Brüderlichkeit in einem besonderen Jahr! Es ist erst wenige Wochen her, dass uns die Nachrichten von einer Serie grausamer Mordtaten – begangen mitten unter uns – erreichten. Eine Welle des Entsetzens ging durch das Land. Und entsetzt bin ich bis heute: über die Opfer, über das unsagbare Leid von Angehörigen und – als genügte das nicht – die Verdächtigungen, denen sie über Jahre ausgesetzt waren. Entsetzt bin ich immer noch darüber, dass über 10 Jahre lang eine rechtsradikale Mörderbande durchs Land ziehen konnte, töten und morden konnte … nein, Menschen hingerichtet hat, die in ihrer menschenverachtenden Sicht nicht deutsch waren, nicht zu uns gehören sollten. Opfer geworden sind Menschen, von denen die meisten schon hier geboren waren, die Träume hatten wie wir, die für ihre Träume arbeiteten, die mit uns lebten, die zu uns gehörten! Einige der Väter, Mütter, Brüder und Schwestern habe ich getroffen, sie trauern und viele von ihnen zweifeln zum ersten Mal an unserem Land, das für die meisten ihre Heimat war! Ihnen, den Opfern, aber auch uns selbst sind wir es schuldig, dass Rassismus und Antisemitismus – ganz gleich, ober er in Springerstiefeln oder Bügelfalte daher kommt – keine Chance hat in unserem Land. Rechtsradikales Gedankengut breitet sich dort aus, wo ihm niemand entgegentritt. Brüderlichkeit, das ist mehr als innere Überzeugung, und erst recht nicht Ritual. Brüderlichkeit verlangt öffentliches Bekenntnis und manchmal auch das Eintreten dafür. „In Verantwortung für den Anderen“ – das ist nicht nur Motto, so hat Nikolaus Schneider seinen Aufsatz im jüngsten Themenheft für christlich-jüdische Zusammenarbeit überschrieben. Und diese Verantwortung – so würde er vermutlich sagen – ist unteilbar. Die tragen wir gegenüber jedem, der hier lebt!

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich schließen mit einigen Worten über den Menschen und Seelsorger Nikolaus Schneider. Jemand, der herausragt, der Höhen des privaten und kirchlichen Lebens erlebt hat und mit höchsten kirchlichen Weihen ausgestattet ist. Aber Du bist, lieber Nikolaus, zusammen mit Deiner Frau auch durch ein tiefes Tal hindurchgegangen. Ihr habt das Sterben Eurer Tochter Meike durchleben und ertragen müssen, habt gemeinsam über den langen Abschied ein bewegendes Buch geschrieben. Ein Buch von großer Trauer, das gleichzeitig etwas von der Stärke und Gewissheit, die Euch beide auszeichnet, vermittelt. Ich durfte in für mich schwierigen Zeiten Deine Nähe und Deine menschliche Wärme spüren. Lass es mich zum Auftakt dieser besonderen Woche so sagen: Du bist ein zutiefst brüderlicher Mensch. Und jeder, der Dich kennt, der weiß, dass Dein tiefer, sehr menschlicher Glaube die Quelle Deiner Wärme, Deiner Stärke, Deiner Brüderlichkeit ist.

Franz Rosenzweig hat in einem anderen Brief geschrieben: „Was in der Bibel steht, kann man auf zwei Wegen kennen lernen, erstens indem man hört was sie sagt, zweitens indem man dem Schlagen des menschlichen Herzens lauscht. Die Bibel und das Herz sagen das Gleiche.“

Dein Herz, lieber Nikolaus, und die Bibel, sie schlagen im gleichen Takt. Und um diesen Takt geht es in der heute beginnenden Woche der Brüderlichkeit.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Nikolaus Schneider!