Stellungnahme

Halle 2019 und Hamburg 2020

Bedrohung jüdischen Lebens schockierende Realität in Deutschland

Wenige Tage vor dem Gedenken an den Terroranschlag auf die Synagoge in Halle vom 9. Oktober 2019 wird ein jüdischer Student vor der Synagoge in Hamburg durch einen Angreifer schwer verletzt.

Es zeigt sich erneut: Für jüdische Bürgerinnen und Bürger Deutschlands ist die Bedrohungslage kein Gegenstand wortreicher Erklärungen oder abstrakter Diskussionen über Antisemitismus, sondern schockierend konkret und lebensgefährlich.  

Mit der Coronapandemie sind im Kern antisemitische Verschwörungserzählungen weiter in die Mitte der Gesellschaft gedrungen und finden immer mehr Anhängerinnen und Anhänger. Was auf Demos und im Netz an Hass in Worte gefasst wird, steht akut und jederzeit in der Gefahr in brutale Taten umgesetzt zu werden.

Gesamtgesellschaftlich scheint man sich daran gewöhnt zu haben, dass jüdisches Leben nur unter Polizeischutz möglich ist. Leider müssen wir damit leben, dass etwas, woran man sich nicht gewöhnen darf, trotzdem notwendig ist. Entsprechende Sicherheitslücken sind daher unverzüglich von den zuständigen politisch Verantwortlichen und der Polizei zu schließen. Dieselbe Polizei, die für den Schutz jüdischer Einrichtungen sorgen soll, hat gleichzeitig ein Problem mit Unterwanderung durch rechtsextremistisches Gedankengut. Hier braucht es sofort Strategien und Maßnahmen, um diesen Umtrieben Einhalt zu gebieten.

Die Frage an jede/n Einzelne/n ist: Wäre ich bereit, eine solche Bedrohungslage auch für mich zu akzeptieren? Die einzig menschliche Antwort muss lauten: Nein!

In Konsequenz bedeutet dies für jede Bürgerin und jeden Bürger Verantwortung zu übernehmen und alles zu tun, damit Hass und Gewalt nicht weiter an Boden unter uns gewinnen. Wir wissen aus der Geschichte: was mit dem Hass auf eine Gruppe beginnt, wird am Ende niemanden verschonen. Bildungs- und Aktionsprogramme gegen Antisemitismus und Rassismus müssen ausgebaut und unterstützt werden – in Schulen, an Universitäten und in der Erwachsenenbildung.

Schweigen und Nichts-Tun sind keine Optionen!

Wir brauchen dafür Empathie, Begegnung und Dialog, Einsatz mit Herz und Verstand, für ein friedliches und gerechtes Miteinander für alle in unserem Land und weltweit.  
Dafür stehen der DKR und seine Mitgliedsgesellschaften seit über 70 Jahren.

Bad Nauheim, 6. Oktober 2020

Rabbiner Andreas Nachama, Jüdischer Präsident
Margaretha Hackermeier, Katholische Präsidentin
Pfarrer Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident
Pfarrerin Ilona Klemens, Generalsekretärin