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Aus dem Editorial des Themenhefts, das traditionell
dem Jahresthema gewidmet ist
Liebe Leserinnen und Leser,
vor kurzem waren wir mit unseren Kindern in einem chinesischen Restaurant in Boston. Wie üblich erhielten wir am Ende der Mahlzeit einen Glückskeks. Aus meinem schälte ich das übliche Papierschnipsel und fand folgenden Spruch: „the best way to heal one another is to listen to each other’s story.“ Das Beste, was wir tun können, um einander zu heilen, ist der Geschichte des anderen zuzuhören.“
Eine so einfache Sache, dass sie schon in einem banalen Glückskeks steckt? Aber mal ganz ehrlich, wie oft haben Sie schon jemandem etwas erzählt und wurden sofort zugedröhnt mit dessen Geschichte? Aufeinander hören im alltäglichen Leben, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Politik, ja unserer Gesellschaft ist also gar nicht so selbstverständlich. So erzählen schon die ersten Kapitel der Bibel vom Scheitern und Gelingen des Aufeinanderhörens. Haben Kain und Abel aufeinander gehört? Und wie war es mit Abraham, Sarah und Hagar, oder Josef und seinen Brüdern? Haben Isaak und Ismael aufeinander gehört, um sich am Grabe des Vaters zu treffen? Eines jedoch wird in all diesen Erzählungen deutlich, ob wir dem anderen mit offenen oder tauben Ohren begegnen, hat Folgen für unser gemeinsames Leben.
Erinnern Sie sich vielleicht an Thomas Gordons „Familienkonferenz“ ein Buch, das wir Eltern in den 70er und 80er Jahren lasen, um aktives Zuhören mit unseren Kindern zu üben und unser gemeinsames Leben harmonischer zu gestalten? Inzwischen hat sich unsere Gesellschaft gewandelt, wir sind eine multi-ethnische Gesellschaft geworden. Menschen kamen und kommen zu uns mit ihren Wunden, Verletzungen, Erwartungen, kurzum ihren Geschichten. Aber auch wir haben unsere Wunden und unsere Erwartungen an sie. Um eine tragfähige Gemeinschaft innerhalb einer Nation zu werden, müssen wir nicht ihre Geschichte hören, und sie unsere, damit wir eine gemeinsame Zukunft gestalten können? Zugegeben, es gibt viele Beispiele des Scheiterns für unser Jahresthema, aber auch solche des Gelingens. In diesem Themenheft finden Sie Beispiele für beides.
Die nachfolgenden Artikel entfalten das Jahresthema aus den unterschiedlichsten Perspektiven. So prüfen Rabbiner Jonah Sievers, Bernd Schröder und Ahman Milhad Karimi, inwieweit das Jahresthema in ihrer jeweiligen religiösen Tradition verankert ist und inwieweit Judentum, Christentum und der Islam für uns Modelle für ein Miteinander der vielen Stimmen und offenen Ohren bereit halten. Jakob Hessing unterzieht Lessings berühmte Ringparabel einer neuen Lektüre und kommt zu verblüffenden Erkenntnissen im Text selbst aber auch bezogen auf unser heutiges Handeln. Konkrete Beispiele von gelungenem oder verfehltem „Aufeinanderhören – Miteinanderleben“ finden Sie in dem Kapitel „Gesellschaft und Politik“. Die Frage nach dem Baustein Sprache, oder der interreligiösen Freundschaft in einer multi-ethnischen pädagogischen Wirklichkeit wird im Kapitel „Bildung – Erziehung“ gestellt. Drei Frauen stellen im Israel-Kapitel ganz unterschiedliche Projekte vor, in denen jüdische, christliche und muslimische Israelis sich ihre eigene Geschichte erzählen, zusammen etwas erarbeiten und versuchen, im täglichen Leben Ängste und Misstrauen abzubauen.
Die kurzen literarischen Texte und die von Schülern gestaltete Bildebene erweitern, ja brechen die Sprache der analytischen Beiträge auf und laden ein zu einem emotionalen und sinnlichen Zugang mit unserem Thema. Wir wünschen Ihnen viel Freude und neue Entdeckungen bei der Lektüre.
Eva Schulz-Jander
Das Redaktionsteam:
Eva Schulz-Jander, Hans Maaß, Christoph Münz, Rudolf W. Sirsch
Das aktuelle Themenheft sowie ältere Ausgaben mit weiteren Beiträgen renommierter Autoren zum Jahresthema können Sie in unserem Online-Shop erwerben.
Außerdem finden Sie unter Materialien weitere ausgewählte Beiträge aus den Themenheften online.
Nachfolgend in chronologischer Reihenfolge die Jahresthemen des DKR.
| 2011 |
Aufeinander hören – miteinander leben |
| 2010 |
Verlorene Maßstäbe |
| 2009 |
1949 - 2009 – Soviel Aufbruch war nie |
| 2008 |
Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. – 60 Jahre Staat Israel |
| 2007 |
redet Wahrheit |
| 2006 |
Gesicht zeigen! |
| 2005 |
Prüfet alles, das Gute behaltet |
| 2004 |
Verantwortung: ich, du, wir |
| 2003 |
Uns ist gesagt, was gut ist |
| 2002 |
Abel steh auf, damit es anders anfängt zwischen uns allen 50 Jahre Woche der Brüderlichkeit |
| 2001 |
... denn er ist wie du |
| 2000 |
Auf drei Säulen ruht die Welt: Wahrheit, Recht, Frieden |
| 1999 |
Bedenken, was trägt |
| 1998 |
Wenn nicht ich, wer? Wenn nicht jetzt, wann? |
| 1997 |
Räumt die Steine hinweg |
| 1996 |
In unserer Mitte leben: Mit uns leben! |
| 1995 |
1945 – 1995: Aus der Befreiung leben |
| 1994 |
Bewährtes erhalten – sich öffnen für Neues |
| 1993 |
Statt Gleichgültigkeit Mut zur Verantwortung |
| 1992 |
Europa: Erbe und Auftrag |
| 1991 |
Über Grenzen hinweg zu neuer Gemeinschaft |
| 1990 |
Recht und Gerechtigkeit |
| 1989 |
Gehen zwei zusammen, ohne dass sie sich verständigt hätten 40 Jahre Christlich-Jüdischer Dialog |
| 1988 |
Verwirklichte Hoffnung – 40 Jahre Staat Israel |
| 1987 |
Suchet der Stadt Bestes – Brüderlichkeit in der modernen Gesellschaft |
| 1986 |
Bewährung liegt noch vor uns – Vom Vorurteil zur Partnerschaft |
| 1985 |
Im Blick auf morgen – Juden und Christen in der Verantwortung |
| 1984 |
Jüdisches Erbe in Deutschland – Botschaft und Herausforderung |
| 1983 |
Widerstand zur rechten Zeit |
| 1982 |
Exodus und Exil – Vom Leben in der Fremde |
| 1981 |
Beter und Rebellen – Geschichte und Kultur des osteuropäischen Judentums |
| 1980 |
Gewissen und Gedächtnis – Jüdische Geschichte in Deutschland |
| 1979 |
Toleranz heute – 250 Jahre nach Lessing und Mendelssohn |
| 1978 |
Martin Buber – Zwiesprache heute |
| 1977 |
Zionismus – Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes |
| 1976 |
Wie neu ist das Alte Testament |
| 1975 |
Brennpunkt Jerusalem – Symbol und Wirklichkeit |
| 1974 |
Der verplante Mensch |
| 1973 |
Das Recht des Anderen |
| 1972 |
Antizionismus – Neue Formen der Judenfeindschaft |
| 1971 |
Menschenrassen – Menschenrechte |
| 1970 |
Verkannt, verfemt, geduldet – Minderheiten in unserer Gesellschaft |
| 1969 |
Rufet Freiheit aus dem Lande für alle sein Bewohner |
| 1968 |
Suchet den Frieden und jaget ihm nach |
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