Aus dem Editorial des Themenhefts, das traditionell
dem Jahresthema gewidmet ist


Liebe Leserinnen und Leser,

auf meinem Schreibtisch steht ein kleines Gemälde eines befreundeten Malers, es zeigt ein leeres Füllhorn aus dessen Seiten Fischflossen hervorquellen. Ein Füllhorn aber ist ein mythologisches Symbol des Glückes, üblicherweise gefüllt mit Blumen und Früchten, die für Fruchtbarkeit, Reichtum und Überfluss stehen. Jedes Mal, wenn ich das Bild betrachte, denke ich an unser Jahresthema „Verlorene Maßstäbe“, und frage mich, ob das das Füllhorn unserer Zeit ist: entleert, weil wir jeden Maßstab für Reichtum und Überfluss verloren haben.

Was ist überhaupt ein Maßstab? Das Wörterbuch bietet folgende Erklärung an: „Mit den Einheiten der Längenmaße versehenes Lineal oder Meterstab; Größenverhältnis bes. der Linien auf einer Landkarte zu den wirklichen Strecken.“ Auch unser Preisträger, der Architekt Daniel Libeskind, legt sein „Lineal“ im konkreten wie im übertragenen Sinne an. Seine Gebäude spiegeln eine Philosophie.

Ein Maßstab ist also das Verhältnis eines Gegenstandes, oder im übertragenen Sinn, einer Handlung zur Realität. Haben wir also den Bezug zur Realität, d.h. zu den anderen Menschen um uns herum, verloren und leben nur noch im Verhältnis zu uns selbst?

Wo sind sie geblieben, die Maßstäbe, die uns unsere Mütter immer wieder einimpften; mit Sprüchen wie, „Was Du nicht willst das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Haben wir sie verloren oder vergessen? Aber blicken wir nur einmal auf unsere jüngste Geschichte, dann drängt sich doch die Frage auf: Haben die alten Maßstäbe nicht versagt? Müssen wir nicht neue suchen, die unser Verhalten in einer globalen Welt bestimmen?

Das sind viele Fragen und noch keine Antworten. Gibt es überhaupt eine Antwort? Die Psychologie sagt uns, dass die Sehnsucht nach dem Verlorenem, das in der Vergangenheit so viel besser war, eigentlich eine tiefe Unzufriedenheit mit der Gegenwart widerspiegelt. Wenn wir einmal verstanden haben, dass wir unsere heutigen Bedürfnisse und Wünsche auf die Vergangenheit projizieren, dann können wir Vergangenheit und Gegenwart nüchtern betrachten und nach den Maßstäben suchen, die für unsere komplizierte Welt Gültigkeit haben könnten.

Die religiösen Traditionen, aus denen wir kommen, erinnern uns immer wieder an die fast vergessene Vokabel der Beschränkung im persönlichen wie gesellschaftlichen Leben.

Bei Elie Wiesel fand ich folgendes: „Wenn Ihr nicht wißt, ob euer Tun recht ist, dann fragt euch, ob Ihr dadurch den Menschen näherkommt. Denn was euch den Menschen nicht näherbringt, entfernt euch von Gott.“ Es ist fast die goldene Regel unserer Mütter, mit einem wichtigen Unterschied, denn es setzt unser Handeln in Beziehung zu Gott, das heißt, es bettet unser Tun ein in etwas Höheres, unser Verhältnis zu Gott. Entlastend und verpflichtend zugleich – entlastend, weil wir nicht der Maßstab aller Dinge sind, und verpflichtend, weil es uns auffordert, bei uns selbst anzufangen und unser eigenes Handeln unter die Frage Elie Wiesels zu stellen.

Im Themenheft wird unser Jahresthema unter verschiedenen Blickpunkten beleuchtet. Jonathan Magonet fragt, inwieweit wir unsere Maßstäbe an der Bibel ausrichten können und entdeckt dabei Überraschendes. Friedhelm Pieper zeigt, wie „Die zwölf Berliner Thesen“ ein Versuch sind, neue Maßstäbe im christlich-jüdischen Dialog zu setzen. Das Kapitel „Gesellschaft und Politik“ versucht die gegenseitige Durchdringung der säkularen und religiösen Welt aufzufächern; „Ist Gott gefährlich?“ lautet der provozierende Titel von Ulrich Beck. Im „Blickpunkt Bildung und Erziehung“ wird die Frage nach Vorbildern und großen Helden gestellt. Und das Israelkapitel hebt hervor, wie schwer es oft ist, die eigenen Maßstäbe mit der Realität in Einklang zu bringen, oder eigene Maßstäbe an das Leben und Wirken anderer Gesellschaften anzulegen. Die subtilen Illustrationen der Schüler und Studenten tragen die Worte hinein in die sinnliche Ebene des Bildes. Wir wünschen Ihnen viele neue Entdeckungen bei der Lektüre.

     Eva Schulz-Jander

     Das Redaktionsteam:
     Eva Schulz-Jander, Christoph Münz, Rudolf W. Sirsch




Das aktuelle Themenheft sowie ältere Ausgaben mit weiteren Beiträgen renommierter Autoren zum Jahresthema können Sie in unserem Online-Shop erwerben.

Außerdem finden Sie unter Materialien weitere ausgewählte Beiträge aus den Themenheften online.



Nachfolgend in chronologischer Reihenfolge
die Jahresthemen des DKR.


2010 Verlorene Maßstäbe
2009 1949 - 2009 – Soviel Aufbruch war nie
2008 Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist. – 60 Jahre Staat Israel
2007 redet Wahrheit
2006 Gesicht zeigen!
2005 Prüfet alles, das Gute behaltet
2004 Verantwortung: ich, du, wir
2003 Uns ist gesagt, was gut ist
2002 Abel steh auf, damit es anders anfängt zwischen uns allen
50 Jahre Woche der Brüderlichkeit
2001 ... denn er ist wie du
2000 Auf drei Säulen ruht die Welt: Wahrheit, Recht, Frieden
1999 Bedenken, was trägt
1998 Wenn nicht ich, wer? Wenn nicht jetzt, wann?
1997 Räumt die Steine hinweg
1996 In unserer Mitte leben: Mit uns leben!
1995 1945 – 1995: Aus der Befreiung leben
1994 Bewährtes erhalten – sich öffnen für Neues
1993 Statt Gleichgültigkeit Mut zur Verantwortung
1992 Europa: Erbe und Auftrag
1991 Über Grenzen hinweg zu neuer Gemeinschaft
1990 Recht und Gerechtigkeit
1989 Gehen zwei zusammen, ohne dass sie sich verständigt hätten
40 Jahre Christlich-Jüdischer Dialog
1988 Verwirklichte Hoffnung – 40 Jahre Staat Israel
1987 Suchet der Stadt Bestes – Brüderlichkeit in der modernen Gesellschaft
1986 Bewährung liegt noch vor uns – Vom Vorurteil zur Partnerschaft
1985 Im Blick auf morgen – Juden und Christen in der Verantwortung
1984 Jüdisches Erbe in Deutschland – Botschaft und Herausforderung
1983 Widerstand zur rechten Zeit
1982 Exodus und Exil – Vom Leben in der Fremde
1981 Beter und Rebellen – Geschichte und Kultur des osteuropäischen Judentums
1980 Gewissen und Gedächtnis – Jüdische Geschichte in Deutschland
1979 Toleranz heute – 250 Jahre nach Lessing und Mendelssohn
1978 Martin Buber – Zwiesprache heute
1977 Zionismus – Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes
1976 Wie neu ist das Alte Testament
1975 Brennpunkt Jerusalem – Symbol und Wirklichkeit
1974 Der verplante Mensch
1973 Das Recht des Anderen
1972 Antizionismus – Neue Formen der Judenfeindschaft
1971 Menschenrassen – Menschenrechte
1970 Verkannt, verfemt, geduldet – Minderheiten in unserer Gesellschaft
1969 Rufet Freiheit aus dem Lande für alle sein Bewohner
1968 Suchet den Frieden und jaget ihm nach