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20.10.2005, 08:15 Uhr
» Offener Brief an den Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger
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An den
Direktor der Bundeszentrale für politische Bildung
Herrn Thomas Krüger
Adenauerallee 86
53113 Bonn
OFFENER BRIEF
Sehr geehrter Herr Krüger,
die unter Ihrer Leitung stehende Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) genießt zu Recht bislang den Ruf, bei politisch so komplexen Themenbereichen wie dem Nahost-Konflikt, dem Antisemitismus oder Rechtsradikalismus eine pädagogisch wie politisch vorbildliche Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu leisten.
Mit um so größerem Erstaunen, ja Unverständnis nehmen wir die Empfehlung der BpB zur Kenntnis, den Film des palästinensischen Regisseurs Hany Abu-Assad ,"Paradise Now", vorgeblich zur Stärkung der "Medienkompetenz" an deutschen Schulen einzusetzen. Zu Recht stellt sich die Frage, wie sie Ulrich Speck von der Wochenzeitung "Die Zeit" formulierte, warum ausgerechnet "sich deutsche Schulkinder in das vom Regisseur imaginierte Bewusstsein von Selbstmordattentätern hineinversetzen sollten" und warum ausgerechnet "ein Film über Selbstmordattentäter, dessen Regisseur um Verständnis für Selbstmordattentate gegen israelische Zivilisten wirbt, zu einem zentralen Anker des Nahost-Bildes junger Deutscher gemacht werden soll".
In diesem Zusammenhang betrachten wir insbesondere die inhaltliche und didaktische Konzeption des zu diesem Zweck in Ihrem Haus entstandenen und von Ihnen als Begleitmaterial vertriebenen "Filmheft" als höchst bedenklich. Ausdrücklich schließen wir uns dabei den bereits vorgetragenen und Ihnen bekannten Argumenten an, wie sie etwa in dem "Offenen Brief" an Sie, Herr Krüger, von dem Politologen Dr. Martin Kloke, aber auch in der Kritik des Politikwissenschaftlers Matthias Küntzel dargelegt wurden.
Dass der Film "Paradise Now" seine Geschichte aus der innerpalästinensischen Perspektive erzählt, ist – bei aller berechtigten Kritik – verständlich und das gute Recht seines palästinensischen Regisseurs. Dass aber eine deutsche Behörde wie die BpB sich mittels einer undifferenzierten, politisch einseitigen, mit sachlichen wie didaktischen Mängeln behafteten Begleitbroschüre zum Fürsprecher der palästinensischen Sache macht, können wir weder verstehen noch als legitim erachten.
Didaktisch inakzeptabel und dem politisch-pädagogischen Selbstverständnis der BpB selbst zuwiderlaufend ist beispielsweise die Tatsache, dass in dem "Filmheft" demokratisch anerkannte Konfliktlösungsstrategien wie "Dialog" und "Verhandlung" nicht einmal als Möglichkeiten zur Konfliktbewältigung erwähnt werden. Stattdessen werden die Schüler durch insinuierende Fragestellungen angehalten, ein emphatisches Verständnis für die Motive von Selbstmordattentätern zu entwickeln. Welches Demokratie- und Menschenrechtsverständnis soll mit einer solchen Begleitbroschüre denn gebildet werden?
Und: Müsste ein solcher Begleittext, der dazu noch die "Medienkompetenz" der Schüler fördern soll, nicht besonders auf die im Film teils verdeckten, teils offenen antisemitischen und antizionistischen Stereotypen hinweisen, um dergestalt das Bewusstsein der Schüler für sprachlich und filmisch transportierte Vorurteile zu schulen? Darüber hinaus fragen wir uns auch, welche Absicht hinter dem Verschweigen bestimmter Fakten steht, wie etwa der Nicht-Erwähnung des weit reichenden Friedensangebots der Regierung unter Ministerpräsident Ehud Barak von 2000 sowie des seit dieser Zeit eskalierten Selbstmordterrorismus palästinensischer Gruppierungen.
In Anbetracht der hier und an anderer Stelle nachgewiesenen sachlichen und handwerklichen Fehler und einer damit verbundenen politisch wie moralisch und pädagogisch fragwürdigen Gesamtkonzeption des "Filmheftes" setzen Sie sich mit Ihrem Festhalten am weiteren Vertrieb der Broschüre dem Verdacht aus, einer unreflektierten Rechtfertigung der Ermordung unschuldiger Zivilisten sowie der Verbreitung antisemitischer wie antizionistischer Stereotypen Vorschub zu leisten.
In aller Schärfe stellt sich damit die Frage, ob von Ihnen neuerdings die Aufgabe einer mit Steuergeldern finanzierten staatlichen Einrichtung wie der BpB darin gesehen wird, die strategische Kriegsführung von Palästinensern gegen Israel propagandistisch zu unterstützen, den Weg der Dechiffrierung antisemitischer Vorurteile aufzugeben und die moralisch-ethischen Dimensionen terroristischer Gewalttaten auszublenden.
Mit der Empfehlung der BpB zum schulischen Einsatz des Films "Paradise Now" sowie der Herausgabe des begleitenden "Filmheftes" hat die BpB den bislang geltenden Grundkonsens einer ausgewogenen und überparteilichen Analyse und Aufklärung im Kontext des Nahost-Konflikts sowie der entschlossenen Bekämpfung des Antisemitismus verlassen zugunsten der Verklärung einer ethisch-moralisch inakzeptablen Gewaltverherrlichung und einer historisch wie politisch nicht zu rechtfertigenden, einseitigen Parteinahme. Damit torpedieren Sie zugleich die um Fairness, Ausgleich und Vermittlung bemühten Grundzüge der deutschen Außenpolitik, wie sie unter Bundesaußenminister Joschka Fischer in den vergangenen Jahren vielfach Lob und Anerkennung über alle politischen Grenzen hinweg gefunden hat.
60 Jahre nach dem Ende der von Deutschen zu verantwortenden Ermordung der europäischen Juden und zugleich im Jahr der 40-jährigen Wiederkehr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel ist dieser Vorgang ein politischer Skandal. Daher fordern wir Sie als Direktor der BpB unmissverständlich dazu auf, durch die Rücknahme des "Filmheftes" diesen inakzeptablen Richtungswechsel umgehend zu korrigieren.
Präsidium und Vorstand des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit (DKR)
Bad Nauheim, 18. Oktober 2005
i. A.
Dr. Eva Schulz-Jander
(Kath. Präsidentin)
Dr. Christoph Münz
(Mitglied des Vorstandes)
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