12.01.2006
Bibliothek der Wilhelm von Oranien Schule, 20.00 Uhr
Dillenburg


» Jüdische Schicksale - Peter Weiss und der Holocaust
Vortrag von Anja Schnabel, Nürnberg

Peter Weiss (1916-1982), Dramatiker, Maler, Filmemacher und Prosaist, zählt noch heute zu den herausragendsten Vertretern politisch-engagierter Kunst in den 1960er und 1970er Jahren in Deutschland. Als Sohn eines ungarischen Vaters und einer aus der Schweiz stammenden Mutter erfuhr er erst mit 22 Jahren von den jüdischen Wurzeln seines Vaters Eugen Weiss. Dieser hatte seine jüdische Herkunft geheim gehalten - ein Familiengeheimnis, mit dem sich Peter Weiss ein Leben lang beschäftigen sollte.

In eindrucksvollen Kohlezeichnungen und Ölbildern, spannungsgeladenen Theaterstücken und Romanen hat er sich immer wieder mit der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden auseinander gesetzt. Das Vernichtungslager Auschwitz wurde ihm ideell zum lebenslangen Bezugspunkt, es wurde zu seiner "... Ortschaft, für die ich bestimmt war und der ich entkam."


Anja Schnabel, Literaturwissenschaftlerin, Jahrgang 1968, studierte Germanistik, Romanistik und Philosophie in Hannover. Sie schreibt an einer Dissertation mit dem Titel "'Nicht ein Tag, an dem ich nicht an den Tod denke' - Peter Weiss' Todesvorstellungen und Todesdarstellungen in seinen Bildern und Schriften". Seit 2000 bereut sie die "Kontaktstelle Peter Weiss-Forschungsprojekte" der Internationalen Peter Weiss-Gesellschaft e.V. (www.peterweiss.org), seit 2002 ist sie Vorstandsmitglied der IPWG.

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14. Januar 2006
www.mittelhessen.de

Unmöglich, das Grauen zu begreifen
Pressebericht

(cam). "Jüdische Schicksale - Peter Weiss und der Holocaust" war das Thema eines Vortrags, den Anja Schnabel von der Universität Hannover am Donnerstag Abend an der Dilllenburger Wilhelm-von-Oranien-Schule (WvO) gehalten hat. Die Literaturwissenschaftlerin war auf Einladung von Fachbereichsleiter Eckhard Scheld und der christlich-jüdischen Gesellschaft nach Dillenburg gekommen. Sie gilt als ausgewiesene Peter-Weiss-Expertin und beschäftigt sich auch im Rahmen ihrer Promotion mit dem Schriftsteller und Künstler.

Dillenburg. Hatte Peter Weiss überhaupt ein eigenes jüdisches Bewusstsein? Anja Schnabel skizzierte seinen Lebensweg, auf dem die Entdeckung seiner jüdischen Wurzeln eher ein Schock war. Dennoch nimmt die Beschäftigung mit den Juden und vor allem mit ihrem Holocaust-Schicksal in seinem Leben einen wichtigen Platz ein. Er entkam Deportation und Ermordung eher unbewusst und hatte später so etwas wie ein Schuldgefühl: "Ich komme zwanzig Jahre zu spät", sagte er 1964 als er Auschwitz besuchte.

Weiss widmete sich deshalb dem Gedenken an den Holocaust, dem Erinnern an seine ermordeten Freunde und wurde ein sehr politischer Mensch. Seinen Auschwitz-Besuch beschreibt er in dem Text "Meine Ortschaft", der verdeutlicht, dass dem Schriftsteller eine Identifikation mit dem Judentum nicht gelingt.

Das Thema ließ Weiss nicht los

Es ist die Unmöglichkeit, das Grauen zu begreifen und aus der Situation des Besuchers herauszukommen. Die Thematik lässt ihn jedoch nicht los, so taucht sie in seinem fast 1000 Seiten umfassenden dreiteiligen Werk "Die Ästhetik des Widerstands" immer wieder auf.

Auch viele seiner Bilder gehen darauf ein, so versucht er 1946 mit dem Gemälde "Die Gefangenen" die erlittenen Qualen zu zeigen. Das Besondere an Peter Weiss ist, dass er die Entwicklung schon im Vorfeld intuitiv zu spüren schien: Sein Bild "Das große Welttheater" von 1937 zeigt viele Orte tödlicher Handlung, die die von ihm gespürte gewalttätige Atmosphäre widerspiegeln.

Dass er die Kunst mit seinen Texten verknüpft, dass er Kunst auf wunderbare Weise beschreibt und damit in seinen Dienst stellt, ist für Anja Schnabel das Faszinierende an Peter Weiss.

Neben dem politischen und antikapitalistischen Autor, wie man ihn in den 60er und 70er Jahren kennen gelernt hatte und wie er nach wie vor am bekanntesten ist, gebe es noch mehr an ihm zu entdecken. "Peter Weiss hat viele Seiten", so Anja Schnabel, die auch Vorstandsmitglied der Internationalen Peter Weiss- Gesellschaft (IPWG) ist. Mit vielen Gemälden von Peter Weiss gab sie einen umfassenden Überblick und einen informativen Einblick in sein Schaffen und seine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln.

Im Anschluss an ihren Vortrag ging sie noch auf alle Fragen der Zuhörer ein und nahm für die Peter-Weiss-Gesellschaft die Anregung mit, doch ein Lesebuch oder einen Reader für Schüler zusammenzustellen, der die Beschäftigung mit dem teils schwierigen Stoff erleichtern könnte.





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