27.09.2005
Aula der Hohen Schule
Herborn


» Endzeitfieber und Pulverfass. Israel und der christliche Fundamentalismus in Deutschland
Vortrag von Dr. Martin Kloke, Berlin

Solidarität mit Israel – Dies ist und war innerhalb der christlichen Kirchen, zumal in Deutschland, eine theologisch wie politisch oft erhobene als auch stets umstrittene Forderung. Insbesondere innerhalb der freikirchlichen, evangelikalen und fundamentalistischen Gemeinschaften spielt das Verhältnis zu Israel eine besonders wichtige Rolle, deren zugrunde liegenden religiösen und politischen Motive eines genaueren Blickes wert sind.
Was sind das für Leute, die zu Tausenden ihre Solidarität mit Israel bekunden, israelische Fahnen schwingend durch die Straßen ziehen und lauthals »Gott segne Israel« ausrufen? Was meinen deutsche Christen aus dem evangelikalen Spektrum, wenn sie davon reden, sie wollten »über Gottes Heilsplan mit seinem auserwählten Volk« aufklären? Was steckt dahinter, wenn fundamentalistische Organisationen Spenden für allerlei Projekte in Israel akquirieren?
Was hat es auf sich mit Organisationen wie "Christen für Israel" (Fritz May), "Nachrichten aus Israel" (Ludwig Schneider), "Evangeliumsdienst für Israel" und viele andere Einrichtungen und Gruppierungen?


Herborner Tageblatt, 4. Oktober 05

„Pulverdampf und Endzeitfieber“ - Israel und der christliche Fundamentalismus in Deutschland
Vortrag bei der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Herborns Hoher Schule

„Über der Heiligen Stadt mit dem Tempelberg tickt eine Zeitbombe von apokalyptischer Spreng- und Zerstörungskraft. Steht am Ende der große Krieg?“ Solche Glaubensaussagen in dem 2002 erschienen Buch des Wetzlarer Pastors Fritz May („Apokalypse über Jerusalem“) beunruhigen evangelische wie katholische Christen, könnten solche sensationslüsternen Aussagen, die eine apokalyptische Explosion praktisch herbeisehnen, schließlich als sich selbst erfüllende Prophezeiung wirken. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Dillenburg hatte deshalb einen profunden Kenner der christlich-fundamentalistischen Szene zu einem informativen Vortrag gebeten: Dr. Martin Kloke aus Berlin.

Der evangelische Theologe, Politikwissenschaftler und Pädagoge, der sein Studium an der Justus-von-Liebig-Universität in Gießen absolviert und in den Bereichen Antijudaismus, Antisemitismus sowie deutsch-israelische Beziehungen umfänglich publiziert hat, ging sehr sensibel und ganz im Sinne der in Deutschland garantierten Religionsfreiheit und dem christlich-jüdischen Toleranzgedanken auf die Theologie der so genannten „Stillen im Lande“ ein.

Aus Sicht des Referenten ist dem angesprochenen Personenkreis Israel zu einem libidinösen Fixpunkt geworden. Die massenhafte Rückkehr von Juden in ihr biblisch verheißenes Land, nach zwei Jahrtausenden des Exils, dieser historisch einzigartige Vorgang, der in der Staatsgründung 1948 gipfelte, gilt den fundamentalistischen Christen nicht nur als ein sichtbarer Erweis der Treue Gottes, sondern als ein eschatologisches Zeichen der Hoffnung, der Beginn der messianischen Endzeit, der „Beweis“ für die nahe bevorstehende Wiederkunft Christi.

Diese Glaubensausprägung erhielt nach dem 6-Tage-Krieg 1967 nochmals einen „Kick“. In der israelischen Siedlungspolitik wurde der Vollzug göttlicher Heilsgeschichte erkannt.

Die deutschen Unterstützer der nationalreligiösen Israelis haben dabei jedoch ganz andere Ziele vor Augen. Sie verfolgen einen göttlichen „Erweckungsplan“, der darauf abzielt, dass das „auserwählte Volk zur Erkenntnis des Messias kommt“.

Als Hauptströmungen benannte der Referent die charismatisch-pfingstlerischen Strömungen, darunter die „Darmstädter Marienschwesternschaft“, die „Internationale Christliche Botschaft“ sowie die Arbeit von Ludwig Schneider, u. a. als Herausgeber der „Nachrichten aus Israel“. Als politischen Arm der evangelikalen Rechten stellte Dr. Kloke die „Partei Bibeltreuer Christen“ vor, die ihren Stimmanteil anlässlich der vergangenen Bundestagswahl auf über 100000 Stimmen steigern konnte.

Nicht alle Evangelikalen sind aber israelfreundlich, es bestehen auch antizionistische und antisemitische Zirkel. So wurde ein Prediger (Norbert Hormuth) zu vier Monaten Freiheitsstrafe (mit Bewährung) verurteilt, weil er hetzerische Parolen über die Judenheit verbreitet hatte. Zitat: „Erstens verfolgen sie zu allen Zeiten die Boten Gottes, die zu ihnen gesandt sind, um ihnen Gottes Schelte zu überbringen, ja sie töteten sogar den höchsten Abgesandten Gottes, seinen Sohn…“ Andere Gruppen (Morgenland-Gruppe) verharmlosen oder leugnen die Schoah.

Auffällig, so Dr. Kloke, widersetzten sich viele christliche Fundamentalisten dem Entspannungsprozess zwischen Israel und den Palästinensern. So rechtfertigte der Missionsdirektor Friedrich Vogel den Mord an Ministerpräsident Izhak Rabin 1995 mit den Worten: „Gott hatte eingegriffen, bevor Rabin Monate später seine Hand an Jerusalem hätte legen können.“

Eine Gefahr für das Judentum sieht der Referent in den missionarischen Bestrebungen der fundamentalistischen Kreise nicht, nach seiner Übersicht sind seit 1945 mehr Christen zum Judentum konvertiert als umgekehrt. Das Verteilen von missionarischen Flyern vor und in Synagogen wertet er allerdings nicht nur als einen Verstoß gegen die guten Sitten, sondern auch als einen Angriff auf die religiösen Gefühle von Menschen, für die das Kreuz aus historischen Gründen noch immer ein Schreckenssymbol ist.

Auch wenn die gesellschaftliche Bedeutung fundamentalistischer Gruppen gering eingeschätzt werde, so Dr. Kloke, könnte vor dem Hintergrund der internationalen Vernetzung dieser Gruppen der Einfluss fundamentalistischer Eiferer durchaus eine gefährliche Dynamik entwickeln, etwa indem sich spirituell erregte Massen zu unbedachten Handlungen z. B. in der Jerusalem-Frage hinreißen ließen.

Dr. Christoph Münz, Katholischer Vorsitzender und Geschäftsführer der „Gesellschaft“ hatte keine Mühe, Fragen und Kritik in ein moderates, von gegenseitigem Respekt getragenes Gespräch einzubinden. Der Vorstand der Gesellschaft war im Vorfeld der Veranstaltung „alarmiert“ worden, dass eine fundamentalistische Gruppe die Veranstaltung stören könnte. Dem Referenten waren entsprechende e-mails zugegangen.

Hartmut May



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